Vom Kleinbrand zum Grossereignis: Die Gefahr von Lithium-Ionen-Akkus
Ein heisser Einstieg für Hermann Rösch: An seinem vierten Arbeitstag brach in der Halle des Regionalen Annahmezentrums (RAZ) in Kreuzlingen ein Brand aus, der die Halle weitgehend zerstörte. Die genaue Brandursache konnte nicht abschliessend geklärt werden. In einem Gespräch mit Hermann Rösch, Leiter Entsorgung und Recycling der TIT Imhof AG, wurden aufgrund der möglichen Beteiligung eines falsch entsorgten Elektro- oder Elektronikaltgeräts mit Lithium-Ionen-Akkus (Fehlwurf) die Folgen des Ereignisses für den Betrieb und die Mitarbeitenden sowie die daraus gewonnenen Lehren beleuchtet.
Lithium-Ionen-Akkus als Risikofaktor
Die zunehmende Verbreitung von Lithium-Ionen-Akkus und Lithiumbatterien in Elektro- und Elektronikaltgeräten verändert das Risikoprofil in Sammelstellen, Zerlege- und Recyclingbetrieben grundlegend. Selbst bei etablierten Brandschutzkonzepten, wie dies bei der Firma TIT Imhof AG in Kreuzlingen der Fall war, kann ein einzelner Fehlwurf zu einem schnellen und schwer kontrollierbaren Brand führen. Für die Recyclingbetriebe gewinnt deshalb ein systematischer Erfahrungsaustausch über solche Ereignisse zunehmend an Bedeutung, um Risiken frühzeitig zu erkennen und geeignete Brandschutzmassnahmen gezielt weiterzuentwickeln. Der Brandfall vom 9. Juli 2025 in der Halle RAZ der TIT Imhof AG in Kreuzlingen zeigt exemplarisch, wie sich ein Kleinbrand innerhalb kürzester Zeit zu einer betrieblichen Ausnahmesituation entwickeln kann.
Die unerwartete Geschwindigkeit des Feuers
Der Brand ereignete sich kurz vor Mittag in der Halle des RAZ. Das erste Anzeichen war eine rasch entstehende, grosse Flammenbildung im Sperrgutfach. Die genaue Brandursache konnte nicht abschliessend geklärt werden; es wird jedoch von einer Verkettung ungünstiger Umstände ausgegangen.
Die vorhandene Feuerlöscheinrichtung funktionierte wie vorgesehen. Dennoch zeigte sich die besondere Dynamik des Ereignisses: Kunststoffe und weitere brennbare Materialien im Sperrgut wirkten als Brandbeschleuniger, wodurch innerhalb von nur zwei Minuten eine massive Rauchentwicklung entstand. Umgehend wurden Fenster und Abzugsanlagen geöffnet und erste Löschversuche eingeleitet. Aufgrund der extremen Rauchentwicklung war ein effektives Vorgehen jedoch schwierig.
Die Hitzeentwicklung im Brandherd war so hoch, dass Aluminium im Sperrgut schmolz und herabtropfte. In der Folge griff das Feuer durch das Dach, es entstanden zusätzliche Brandnester innerhalb der Halle. Diese Entwicklung verdeutlicht, wie schnell sich ein Kleinbrand zu einem Grossereignis ausweiten kann.
Die Alarmierung und Zusammenarbeit mit der Feuerwehr funktionierten grundsätzlich gut. Überraschend war jedoch die Geschwindigkeit, mit der sich das Feuer ausbreitete. Dies zeigt, dass bei gemischten brennbaren Abfällen gewohnte Annahmen über Brandverläufe oft nicht ausreichen. Rückblickend erwies sich die mit Steinwolle gedämmte Gebäudehülle der Halle, ursprünglich aus Lärmschutzgründen installiert, als unerwarteter wirksamer zusätzlicher Brandschutz.
Auswirkungen auf den Betrieb
Die betrieblichen Auswirkungen des Brandes waren erheblich. Die Gebäudeversicherung übernahm die Schäden am Gebäude, einschliesslich Wände, Dach und PV-Anlage. Von zentraler Bedeutung war zudem eine rund ein Jahr vor dem Ereignis abgeschlossene Betriebsausfallversicherung, welche die Mehrkosten für den Notbetrieb sowie die zusätzlichen Personalkosten deckte.
Bereits am 25. Juli 2025 wurde ein neuer Bauantrag eingereicht, der dank der konstruktiven Unterstützung des Kantons Thurgau beschleunigt genehmigt wurde. Eine besondere Herausforderung bestand in der zeitlichen Koordination zwischen Baueingabe und Finanzierungszusage der Gebäudeversicherung, da der Betrieb unter hohem Zeitdruck stand, die Hallennutzung rasch wieder aufzunehmen. Der Wiederaufbau begann im Oktober 2025; am 9. Februar 2026, also 7 Monate nach dem Brand, konnte die neue Halle in Betrieb genommen werden. Während der Bauphase wurde ein Notbetrieb für Sammeltätigkeiten eingerichtet. Dieser war logistisch deutlich aufwändiger als der reguläre Betrieb und führte zu einer erheblichen zusätzlichen Belastung der Mitarbeitenden.
Belastung für die Mitarbeitenden
Auch wenn keine Personen zu Schaden kamen, hatte das Ereignis grosse Auswirkungen auf die Mitarbeitenden. Viele berichteten, dass man sich ein solches Szenario kaum vorstellen könne, ohne es selbst erlebt zu haben. In der Zeit nach dem Brand wurden zahlreiche Gespräche geführt, insbesondere um Schuldzuweisungen unter Mitarbeitenden zu vermeiden und Ängste abzubauen. Diese Gespräche erforderten ein hohes Mass an Empathie und waren essenziell für die Stabilisierung des Teams.
Die hohe Arbeitslast, die das Ereignis nach sich zog, war für die Mitarbeitenden eine weitere Herausforderung. Einen Notbetrieb innert kurzer Zeit aufzubauen und neue Prozesse einzuführen und umzusetzen, verlangte ein grosses Mass an Motivation und Flexibilität. In der Folge wurde und wird die Sicherheitskultur im Betrieb gezielt weiterentwickelt.
Massnahmen und Verbesserungen nach dem Brand
Nach dem Brand wurden kurzfristige und langfristige Massnahmen umgesetzt. Im personellen Bereich stehen seither verstärkte Kommunikation, Sensibilisierung und Schulungen im Vordergrund. Ein klarer Fokus liegt nun auf regelmässigen Feuerwehrübungen, um das Personal besser auf den Ernstfall vorzubereiten. Alle vier Wochen finden zudem strukturierte Austauschrunden mit den Mitarbeitenden aus den Bereichen Sammelstelle, Zerlegung, Waage und Annahme statt. Dabei werden aktuelle Themen sowie spezifische Geräte und deren Gefahrenpotenziale besprochen.
Technisch wurde das bestehende Brandschutzkonzept, das aus Wärmebildkameras und Löschposten bestand, erweitert. Da wassergeführte Löschanlagen finanziell nicht realisierbar waren, entschied man sich für den Einbau einer innovativen Pulverlöschanlage. Diese kann sektoriell eingesetzt werden und läuft vollautomatisch. Temperatursensoren lösen die Anlage bei Überschreiten von 72 °C aus; gleichzeitig erfolgt eine automatische Alarmierung der Feuerwehr über eine angeschlossene Sicherheitszentrale.
Die eingesetzte Technologie stammt ursprünglich aus der Raumfahrt und erfüllt besondere Anforderungen: Löschung ohne Sauerstoffentzug und ohne Wasser. Wichtig ist dabei die klare Abgrenzung der Wirkung – Akkubrände selbst können damit nicht gelöscht werden, wohl aber das umliegende Brandgeschehen. Dadurch wird wertvolle Zeit gewonnen, um eine Ausbreitung zu verhindern und Schäden zu begrenzen.
Aufklärung und Prävention: Lithium-Ionen-Akkus
Die wichtigste Erkenntnis aus dem Brandereignis ist, dass die Entstehung solcher Brände möglichst früh verhindert werden sollte. Ein zentraler Ansatzpunkt ist die Aufklärung der Konsument:innen. Hermann Rösch hält verpflichtende Fragebögen für denkbar, mit denen klar aufgezeigt wird, welche Abfälle – insbesondere Akkus und Batterien – nicht im Abfall entsorgt werden dürfen.
Schlussfolgerungen und Ausblick
Das Brandereignis beim RAZ in Kreuzlingen verdeutlicht, wie gravierend sich einzelne Fehlwürfe von Lithium-Ionen-Akkus in gemischten Fraktionen wie Sperrgut auswirken können und dass sie innerhalb kürzester Zeit eine hochdynamische Brandentwicklung auslösen können – selbst in Betrieben mit funktionierendem Brandschutzkonzept und klaren Abläufen.
Es wird auch deutlich, dass technische Massnahmen allein nicht ausreichen. Entscheidend sind eine ausgereifte Risikoanalyse und ein funktionierendes Brandschutzkonzept. Damit einher gehen die Sensibilisierung und die Schulung der Mitarbeitenden sowie realistische Notfallübungen, um Auswirkungen solcher Ereignisse zu begrenzen.
Gezielte Investitionen in wirtschaftlich tragbare Brandschutztechnik führen dazu, dass im Ernstfall wertvolle Zeit gewonnen und Schäden reduziert werden können – auch wenn sie nicht jede Brandursache vollständig eliminieren. Ergänzend dazu sind ausreichende versicherungstechnische Absicherungen ein wesentlicher Bestandteil der betrieblichen Resilienz.
Das Brandereignis in Kreuzlingen verdeutlicht zudem, dass eine offene Lernkultur sowie der Erfahrungsaustausch zwischen Betrieben wichtig sind, um aus Ereignissen zu lernen und Schutzkonzepte weiterzuentwickeln.
Gleichzeitig braucht es eine verstärkte Sensibilisierung der Konsument:innen. Nur wenn Elektro- oder Elektronikaltgeräte mit Lithium-Ionen-Akkus korrekt separiert und zurückgegeben werden, lassen sich solche Ereignisse langfristig vermeiden. SENS eRecycling und Swico Recycling setzen sich daher weiterhin für eine breite Aufklärung ein, um die betriebliche Sicherheit zu stärken und Risiken entlang des gesamten Entsorgungsprozesses zu reduzieren, so auch mit der Kampagne Brandgefährlich.
Seitens der Recyclingsysteme SENS eRecycling und Swico Recycling gibt es Empfehlungen, die Sammelstellen, Zerlege- und Recyclingbetrieben als Orientierung dienen und im Rahmen von Audits thematisiert werden. Die Empfehlungen betreffen den Umgang mit Geräten mit Lithiumbatterien für Zerlege- und Recyclingbetriebe und liefern eine wichtige Orientierung für den sicheren Betrieb. Die Empfehlungen sind hier abrufbar.