20 Jahre «SwicoMix» Batchversuche – Eine Datenanalyse

Die Batch-Analysen der letzten zwei Jahrzehnte zeigen einen klaren Trend: Der Metallgehalt in Elektrogeräten ist signifikant rückläufig. Dies hat direkte Folgen für die Recyclingquote, die zunehmend von der Kunststoffverwertung abhängt. Gleichzeitig offenbaren die Daten bemerkenswerte Qualitätsunterschiede zwischen den Chargen und fordern ein Umdenken bei den Zielvorgaben.

21.06.2026

Batchversuche: Sinn und Zweck

Neben den jährlichen Audits werden im Rahmen der Konformitätsüberprüfung bei den Recyclingbetrieben auch Batchversuche durchgeführt. Dabei handelt es sich um kontrollierte Testverfahren, in denen eine definierte Menge Elektroschrott unter Aufsicht verarbeitet wird. Die Vorbereitung, Durchführung und Auswertung dieser Versuche ist mit grossem Aufwand verbunden – sowohl für die Recyclingbetriebe wie auch für die Recyclingsysteme bzw. die technischen Kontrollstellen. Dies umso mehr, als heute für die meisten Behandlungsströme alle zwei Jahre pro Recyclingbetrieb ein Batchversuch durchgeführt wird. Dieser hohe Aufwand lohnt sich jedoch. Einerseits ermöglichen die begleiteten Batchversuche den Auditor:innen eine detaillierte Beurteilung der Verarbeitung einzelner Behandlungsströme unter realen Bedingungen. Andererseits werden beim Batchversuch detaillierte Massenbilanzen erstellt und die Outputfraktionen bis zu deren Endverwertung sorgfältig dokumentiert. Dies ermöglicht die Berechnung der erreichten Recycling- und Verwertungsquoten und liefert Informationen zur Materialzusammensetzung der einzelnen Behandlungsströme – Daten, welche aus dem Jahresstofffluss nicht erhoben werden können und eine wichtige Grundlage für weiterführende Analysen, z. B. die Ökobilanzierungen, bilden.

20 Jahre «SwicoMix»

Batchversuche finden bei Swico Recycling seit dessen Entstehung im Jahr 1994 statt. Mit der Zusammenführung der technischen Vorschriften von Swico Recycling und SENS eRecycling im Juni 2009 wurden die Anforderungen vereinheitlicht und als offizieller Stand der Technik etabliert. Kurz darauf wurde auch die vom europäischen WEEE Forum entwickelte Software RepTool zur standardisierten und detaillierten Auswertung von Batchversuchen eingeführt. Der am besten dokumentierte Behandlungsstrom bei Swico Recycling ist der sogenannte «SwicoMix», der aus Kleingeräten der IT und Unterhaltungselektronik ohne Bildschirme besteht. Hier wurden nach der Einführung von RepTool rückwirkend Versuchsdaten bis 2006 erfasst. Somit stehen heute Daten über einen Zeitraum von 20 Jahren zur Verfügung – eine einzigartige Leistung.

Trends und Erkenntnisse

Ein Blick auf die Datenreihen der «SwicoMix»-Batchkampagnen gleicht einer Reise durch die Technologiegeschichte. Was früher schwer und metallhaltig war, ist heute leicht und besteht aus vielen verschiedenen Materialien, oft Verbundwerkstoffen. Die aktuellen Auswertungen bestätigen, dass sich die Zusammensetzung des Elektroschrotts fundamental gewandelt hat.

Der schleichende Metallschwund

Die wohl markanteste Erkenntnis aus den Langzeitdaten ist der kontinuierliche Rückgang des Metallanteils. Lag der Gesamtmetallgehalt in den frühen 2010er Jahren noch bei Spitzenwerten von teilweise über 65 %, hat er sich in den letzten Jahren auf einem deutlich tieferen Niveau eingependelt.

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Abbildung 1: Entwicklung der Zusammensetzung des «SwicoMix».

Dieser Schwund ist kein Zufall, sondern ein struktureller Trend. Die Miniaturisierung von Bauteilen und der Ersatz von Metallgehäusen durch Hochleistungskunststoffe führen dazu, dass pro Gerät immer weniger Masse an Eisen, Kupfer oder Aluminium vorhanden ist. Die Abbildung 1 zeigt eindrücklich, wie sich der Kunststoffgehalt über die letzten zwanzig Jahre auf Kosten des Metallgehalts beinahe verdoppelt hat.

Der Einfluss auf die Recyclingquote

Dieser «Metallschwund» hat direkte Auswirkungen auf die Gesamtrecyclingquote. Da Metalle nach wie vor die Hauptfraktion darstellen, die aus dem «SwicoMix» stofflich zurückgewonnen wird, ist die Recyclingquote eng an den Metallgehalt gekoppelt.

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Abbildung 2: Die Recyclingquote (grün) folgt dem sinkenden Metallgehalt (rot).

Die Korrelation ist beinahe linear: Sinkt der Metallanteil im Input-Material um beispielsweise 10  Prozent, so sinkt auch die erreichbare Recyclingquote in ähnlichem Umfang. Das physikalische Limit der Quote wird also massgeblich durch das Design der Geräte bestimmt, noch bevor der erste Schredder läuft. Wie in Abbildung 2 erkennbar, driften die beiden Kurven zunehmend auseinander: Während der Metallgehalt weiter sinkt, geht die Recyclingquote weniger stark zurück. Dies ist ein Indiz dafür, dass der Wegfall der Metalle zunehmend – zumindest teilweise – kompensiert werden kann, vor allem durch technologische Fortschritte bei der Aufbereitung der stark zunehmenden Kunststoffanteile.

Kunststoffe als Zünglein an der Waage

In diesem Umfeld kommt dem Kunststoffrecycling eine immer wichtigere Rolle zu. Da metallische Komponenten zunehmend durch Kunststoffe ersetzt werden, liegt der Kunststoffanteil mittlerweile bei knapp 50 Prozent. Entscheidend ist darum, dass diese Kunststoffe nicht thermisch verwertet, sondern dem stofflichen Recycling zugeführt werden. Während bei den Metallen Recyclingquoten von nahezu 100 Prozent möglich sind, ist die Situation beim Kunststoffrecycling komplexer. Einerseits kommt in der Elektronik eine Vielzahl unterschiedlicher Polymere zum Einsatz. Diese müssen segregiert werden. Andererseits bestehen immer strengere Vorgaben zur Ausschleusung von Kunststoffen, welche mit schadstoffhaltigen Additiven belastet sind. Aufgrund dieser Herausforderungen können nur etwa 50 Prozent der Kunststoffe, die einem stofflichen Recycling zugeführt werden, auch tatsächlich rezykliert werden. Das Recycling von Kunststoffen trägt somit heute etwa 10 bis 20 Prozentpunkte zur gesamten Recyclingquote bei. Ohne die fortgeschrittenen Technologien zur Kunststoffsortierung und -verwertung würde der Rückgang der Gesamtquote parallel zum Metallschwund noch drastischer ausfallen.

Qualitätsschwankungen: Die Herkunft entscheidet

Die Analysen zeigen zudem, dass «SwicoMix» nicht gleich «SwicoMix» ist. Beim Vergleich verschiedener Chargen fallen signifikante Unterschiede in der Materialqualität auf – insbesondere beim Metallgehalt.

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Abbildung 3: Variabilität des Metallgehalts in den Ergebnissen einzelner Batchversuche.

Einige Recyclingbetriebe scheinen beständig «reichhaltigeres» Material zu erhalten als andere. Während die genauen Ursachen nicht explizit bekannt sind, legen Erfahrungen aus der Praxis nahe, dass der Sammelkanal ein beitragender Faktor sein könnte.

Es wird vermutet, dass das Material aus dem geschäftlichen Umfeld (B2B, indirekter Kanal) tendenziell höhere Wertstoffgehalte aufweist als die klassische Sammelware von privaten Haushalten (B2C). Letztere ist oft heterogener zusammengesetzt und enthält vermehrt Kleinstgeräte mit hohem Kunststoffanteil. Diese Hypothese würde die beobachtete Varianz erklären, auch wenn sie sich allein aus den vorliegenden Batch-Daten nicht abschliessend beweisen lässt.

Wie weiter?

Vor dem Hintergrund dieser dynamischen Materialveränderungen hat sich auch die regulatorische Bewertung gewandelt. Das aktuelle Recyclingziel gemäss ergänzenden technischen Vorschriften (eTV) von 60 % ist das Ergebnis einer Anpassung an die Realität – von ehemals 65 % (bis 2019) über 55 % (2020 bis 2024) 1. Wichtiger als die absolute Zahl ist jedoch der Paradigmenwechsel in der Schweizer Vollzugspraxis: Die Quote wird zunehmend als Richtwert (Indikativwert) verstanden und nicht mehr als starrer Grenzwert. Dies trägt der Tatsache Rechnung, dass die Recyclingbetriebe den sinkenden Metallgehalt im Input nicht beeinflussen können. Ergänzend zur Quote rückt daher das Monitoring der Verluste in den Fokus. Gemäss eTV werden Schlüsselmaterialien wie Stahl, Aluminium und Kupfer in den Verlustfraktionen (z. B. thermisch verwertete Fraktionen) mittels Probenahmen und Analysen quantifiziert. Ziel ist es, sicherzustellen, dass technisch rückgewinnbare Wertstoffe nicht im Abfall landen.

Batch-Tests und Ökobilanz: Eine unverzichtbare Brücke

Die Batch-Tests liefern weit mehr als nur Quoten zum Vergleich mit den indikativen Richtwerten. Sie bilden das fundamentale Dateninventar für die Ökobilanzierung. Nur wenn wir exakt wissen, wie viel Kupfer, Gold, Kunststoff oder andere Wertstoffe tatsächlich zurückgewonnen wurde (und wie viel Energie dafür aufgewendet werden musste), lässt sich der Umweltnutzen des Recyclings wissenschaftlich fundiert berechnen. Die detaillierte Erfassung der Fraktionen über die Batchversuche ermöglicht es, die Umweltgutschriften (Credits) für die ersetzten Primärrohstoffe präzise zu ermitteln und so den ökologischen Fussabdruck des Systems transparent zu machen.

Ausblick

Die Daten der letzten 20 Jahre lehren uns, dass Stabilität in der Zusammensetzung des Elektroschrotts eine Illusion ist. Wir müssen uns auf eine Zukunft einstellen, in der die absolute Masse an Metallen weiter abnimmt, während die Komplexität der Materialverbunde steigt. Für die kommenden Jahre wird es entscheidend sein, die Technologien zur Kunststofferkennung weiter zu verfeinern und das Verlust-Monitoring als zentrales Steuerungsinstrument zu etablieren. Die Jagd nach einer pauschalen Rekordquote weicht damit einer intelligenteren, qualitätsorientierten Ressourcensicherung.

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