Abbildung 1. Verschiedene Kabel von Elektroaltgeräten. Foto: Carbotech AG

Recycling von Kabeln: Mehr als «nur» Kupfer

In den letzten Jahren hat die Technische Kommission (TK) SENS/Swico einen Fokus auf das Recycling von Kabeln aus Elektro- und Elektronikaltgeräten (EAG) gesetzt. Dadurch entstand eine differenziertere Perspektive als der bisherige Ansatz, wonach Kabel nur aus stofflich verwertetem Kupfer und energetisch verwerteten Kunststoffen bestehen. Neue Erkenntnisse zeigen, dass die Materialzusammensetzung sowie die tatsächlichen Verwertungswege facettenreicher beurteilt werden sollten.

01.06.2026

Mehrere Recyclingbetriebe in der Schweiz und in der europäischen Union (EU) verarbeiten Kabel. Dort werden sowohl Kabel verwertet, die aus der händischen Zerlegung oder mechanischen Sortierung von EAG entstehen, als auch andere Kabeltypen, wie beispielsweise Erdkabel oder Stromleitungen aus Gebäuden. Die Abnehmer von Kabeln aus den Recyclingsystemen SENS eRecycling und Swico Recycling werden im Rahmen von Zweitabnehmeraudits von den Auditor:innen der TK SENS/Swico besucht. Im Vordergrund dieser Audits stehen die Wertstoffrückgewinnung und Schadstoffgehalte in Output-Fraktionen.

Grundlagen des Kabelrecyclings

Das Recycling von Kabeln aus EAG findet entweder in Anlagen statt, die spezifisch für Kabel ausgestattet sind, oder in solchen, die für die Feinaufbereitung von Metallen – auch aus der Verarbeitung von EAG – eingesetzt werden. Bei der Annahme von Kabeln wird sichergestellt, dass die verschiedenen Kabeltypen korrekt getrennt werden. Ein besonderes Augenmerk liegt auf Sonderabfällen wie Bleikabeln oder solchen, die PCB-Öl enthalten. Letztere stammen nicht aus EAG. 

In einem nächsten Schritt werden Störstoffe wie Steine, schwere Metallteile oder Holz aussortiert. Daraufhin werden verschiedene technische Verfahren angewendet. Dazu gehören nasse und trockene Aufbereitungsschritte, bei denen die Kabel zunächst granuliert und anschliessend die Fraktionen nach Korngrösse und Dichte getrennt werden. Die eingesetzten Technologien entsprechen dabei weitgehend den Verfahren, die auch bei der Aufbereitung von EAG und Metallfraktionen verwendet werden. Die Auswahl der Verfahren hängt unter anderem davon ab, auf welchen Kabeltypen der Hauptfokus liegt. 

Aus wertvolleren Kabeltypen wie Energiekabeln kann je nach eingesetzter Technologie eine Kupferreinheit von bis zu 99.9 Prozent erreicht werden. Das schafft für die Recyclingbetriebe ökonomische Vorteile. Kupfer kann so direkt verkauft werden, ohne Weiterverarbeitung. Aus EAG-Kabeln hingegen kann typischerweise eine eher geringere Kupferreinheit erzeugt werden, da sie verhältnismässig weniger Kupfer, mehr Kunststoffe und zusätzliche Metalle enthalten, u. a. wegen der Stecker. In der Praxis können EAG-Kabel gemeinsam mit anderen Kabeltypen verarbeitet werden, um durch die Vermischung eine höhere Kupferqualität zu erreichen. Die Kupferfraktionen aus EAG-Kabeln werden meistens in Schmelzwerke weitergeleitet.

Bisherige Annahmen zur Berechnung der Recyclingquote

Der Massenanteil von Kabeln in EAG variiert je nach Gerätekategorie. Gemäss Batchversuchen liegt der Anteil bei SENS-Haushaltgrossgeräten (HHGG) meist deutlich unter der 1-Prozent-Grenze, bei SENS- und Swico-Kleingeräten eher im einstelligen Prozentbereich. Für die Berechnung der Recyclingquote (RQ) von EAG wurde angesichts dieser niedrigen Anteile in der bisherigen Auditpraxis oft eine standardisierte Formel («Recyclingpaket») eingesetzt, mit der die Art der Verwertung von Kabeln abgeschätzt wurde. Für das Kabelrecycling wurde geschätzt, dass 31 Prozent Kupfer stofflich und 69 Prozent Kunststoff energetisch verwertet werden. 

Neue Erkenntnisse und Empfehlungen

Bei gewissen Inputzusammensetzungen wie Haushaltskleingeräten mit vielen älteren Staubsaugern kann der Kabelanteil auch erhöht sein und somit einen relevanten Einfluss auf die RQ haben. Deshalb sollen im Laufe des Jahres 2026 neue «Recyclingpakete» eingeführt werden, die der aktuellen Recyclingpraxis näherkommen. Die TK SENS/Swico berücksichtigt hierbei folgende Erkenntnisse:

  • Die Annahme von 31 Prozent Kupfer in EAG-Kabeln ist weiterhin gültig.
  • Die verschiedenen Reinheitsgrade von Kupfer können im Rahmen der Berechnung der RQ von EAG-Kabeln vorerst vernachlässigt werden. Das heisst, dass Kupfer bei EAG als 100 Prozent rein angenommen wird.
  • Eisen wird meist separiert. Dabei entsteht ein Anteil von circa 3 bis 5 Prozent. Die stoffliche Verwertung von Eisen wird deshalb künftig mitberücksichtigt. 
  • EAG-Kabel können auch Aluminium enthalten, derzeit in vernachlässigbaren Mengen. In der RQ wird also kein Aluminium angerechnet. 
  • Der Kunststoffgehalt liegt meist etwas unter 60 Prozent. Die Mehrheit des Kabelkunststoffs besteht aus PVC. Kunststoffe wie PP oder PE (z. B. bei Netzkabeln) machen einen geringeren Anteil aus. Recycling von PVC kann künftig in gewissen Fällen angerechnet werden (s. u.). 
  • Im Recyclingprozess entsteht neben dem Kunststoff auch eine feinere nicht-metallische Fraktion, die als Staub bezeichnet werden kann und energetisch verwertet wird.

Für die Berechnung der RQ bedeutet dies, dass künftig zusätzlich stofflich verwertetes Eisen angerechnet wird. Rein mengenmässig ist bei Kabeln aber die Frage relevant, ob Kunststoff recycelt wird oder nicht. Die Antwort darauf hängt hauptsächlich von zwei Aspekten ab: Gibt es Abnehmer für den Kunststoff und gibt es Schadstoffe im Kunststoff? 

Kunststoffe: Schadstoffe und Recycling

Die TK SENS liess Kabelkunststoffe an zwei Standorten auf PCB und bromierte Flammhemmer analysieren. Die Laborergebnisse zeigten hierfür keine Konzentrationen, die über den aktuellen Richtwerten von SENS eRecycling und Swico Recycling liegen. Eine der beiden Sammelmischproben wurde zusätzlich auf PFAS getestet, ebenfalls mit unauffälligen Ergebnissen. Aus diesem Grunde schliesst die TK SENS/Swico das Recycling von Kabelkunststoffen nicht aus. 

Nicht analysiert wurden in diesem Kontext Phthalate, die als Weichmacher im PVC eingesetzt werden. Es wurde angenommen, dass Phthalate bei den mehrheitlich aus PVC bestehenden Kabeln in hohen Konzentrationen vorhanden sind. Die ChemRRV (Anhang 1.18) sieht aber eine Ausnahme zum Verbot vom Inverkehrbringen von Phthalat enthaltenden Gegenständen vor, wenn sie «ausschliesslich für die industrielle oder landwirtschaftliche Verwendung oder für die Verwendung im Freien bestimmt sind (…)». In anderen EU-Ländern wie Österreich gilt keine solche Ausnahme, weshalb das Recycling von Kabelkunststoffen dort nicht zulässig ist. 

Die stoffliche Verwertung von Kabelkunststoffen ist also nach aktuellem Wissen für die Schweiz zulässig und kann je nach Gerätezusammensetzung zu einer erhöhten Recyclingquote führen. Ein Grossteil des, auch aus der Schweiz stammenden, recycelten Kabel-PVC wird derzeit in der EU für die Produktion von Sicherheitsfussplatten für Baustellen eingesetzt. Dabei ist zu beachten, dass es sich bei diesen Recyclingprodukten oft um solche mit einer begrenzten Nutzungszeit handelt. Aus diesem Grund wird das Kunststoffrecycling aus Kabeln von der TK SENS/Swico derzeit nicht als vorrangige Optimierungsmassnahme betrachtet, sondern im Gesamtkontext der Materialströme bewertet.

Ausblick

Insgesamt ist zu erwarten, dass die Zusammensetzung von Kabeln aus EAG künftig komplexer wird, da die verwendeten Metalle und Kunststoffe zunehmend vielfältiger werden. Das Kabelrecycling ist damit mehr als eine reine Kupferrückgewinnung. Es erfordert eine differenzierte Betrachtung der Materialzusammensetzung, der Verwertungswege sowie der regulatorischen Rahmenbedingungen – Aspekte, die künftig noch stärker in die Bewertung der Recyclingquote einfliessen werden.

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